Die Glatze im Lichte des BGH

 

Dass unsere höchsten Gerichte auf jede nur denkbare Rechtsfrage eine juristisch wohl begründete Antwort finden, wird allgemein erwartet. Manchmal aber kommt es dazu, dass die Rechtsprechung Antworten auf Fragen findet, die eigentlich gar niemand gestellt hat.


So hatte der Bundesgerichtshof (BGH) jüngst Gelegenheit, sich mit dem Problem zu befassen, ob die männliche Haarglatze (Atopecia androgenetica) Krankheit oder männliches Geschlechtsmerkmal sei. Hintergrund war der Streit um die Anwendung des Heilmittel Werbegesetzes (HWG) auf Haartransplantationen. Das HWG verbietet die Werbung für Heilbehandlungen mit „Vorher-Nachher-Büdern". Verbotene Werbung wiederum verstößt gegen das Gesetz zur Bekämpfung unlauteren Wettbewerbs (UWG), und Verstöße gegen dieses Gesetz können von Wettbewerbern wie von einschlägigen Verbänden, beispielsweise den Ärztekammern, mit Abmahnungen und einstweiligen Verfügungen verfolgt werden.


Damit eröffnete sich eine grandiose Spielwiese für Anwälte und Justiz und so tobte vor verschiedenen Gerichten der Streit um die Frage, was denn nun die Glatze sei: Das OLG München (AZ 6 U 2075/98) und diesem folgend das Hanseatische Oberlandesgericht in Hamburg (AZ 3 U 195/99) sahen „die Bedeckung des Kopfes mit Haaren" als normalen und „das völlige oder weitgehende Fehlen von solchen als anormalen Körperzustand" und damit galt die Beseitigung dieses „Körperschadens" als Heilbehandlung. Das Landgericht München I (AZ 4 HKO 15525/99) war sich hier nicht so sicher und hat ein Sachverständigengutachten der Uni München eingeholt. Ergebnis: Die Glatze des Mannes ist keine Krankheit, sondern „eine Variante des Erscheinungsbildes".


Allen Betroffenen zum Trost hat sich nun der BGH dieser Auffassung angeschlossen (Urteil vom 26.09.2002, AZ I ZR 101/00): Glatzenträger sind also laut BGH nicht krank, jedenfalls nicht an der Außenseite des Kopfes. Ganz „ungeschoren" nämlich hatten die medizinischen Gutachter die Leidtragenden nicht davonkommen lassen: „Wenn ein Mann bereit ist, sich für etwa 5.000,00 bis 20.000,00 DM einer Eigenhaartransplantation zu unterziehen, kann eine beträchtliche psychische Belastung mit Krankheitswert nicht ausgeschlossen werden."


Zurück

© Dr. Thomas M. Hellmann